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Endlich gelassen und sicher im Stress - Interview mit Michael Brandt

„Sorry, ich bin im Stress.“, „Was für ein stressiger Tag.“, „Ich fühl‘ mich wie im Hamsterrad.“ Stress ist in aller Munde.

In einem Kursangebot an der VHS Rheine können Teilnehmende lernen, wie sie mithilfe von Stressbewältigungsmethoden mehr Gelassenheit in belastenden Situationen entwickeln und dadurch eine höhere Lebensqualität erhalten können.

VHS-Fachbereichsleiterin für Digitalisierung, Arbeit und Beruf,  Martina Stockhorst im Interview mit Dozent Michael Brandt:

 

  • Herr Brandt, sind wir heute mehr im Stress als früher? Wenn ja warum?

Davon bin ich überzeugt. Stress ist zwar nicht neu, aber er hat sich sehr verändert. In seinem Ursprung ist Stress ein nützliches Phänomen, das uns Menschen bis heute das Überleben gesichert hat. Bereits vor Millionen von Jahren hat er unseren Vorfahren durch körperliche Prozesse zu der Fähigkeit verholfen, bei plötzlicher Lebensgefahr fliehen oder kämpfen zu können. Das steckt auch heute noch in unseren Genen. Allerdings besteht unser heutiger Stress nicht mehr aus ständigem Überlebenskampf. Die Zeiten haben sich geändert: Wir leben in einer reizbombardierten Kultur und hyperaktiven Gesellschaft, in der derjenige als tüchtig angesehen wird, der ohne Pause tausend Dinge gleichzeitig erledigen kann. Wir erleben im heutigen Alltag Stress durch hohe Anforderungen, zum Beispiel bei der Arbeit, denen wir manchmal nicht gewachsen zu sein scheinen. Oder wenn unser Selbstwert bedroht wird, zum Beispiel durch Konflikte bei der Arbeit. Durch die Menschenmassen, die Verkehrsdichte, die komplexen sozialen Geflechte, die ständige Erreichbarkeit und zunehmende Digitalisierung unserer Zeit. Oder wenn einfach etwas nicht so läuft, wie wir es uns vorstellen. An den Beispielen lässt sich erahnen, dass wir selbst vor zwanzig, dreißig Jahren noch einem ganz anderen Stresslevel ausgesetzt waren: PC und Handy befanden sich in den Startlöchern und waren noch nicht in jedem Haushalt zu finden. Die Arbeitswelt war noch eine andere mit in der Regel mehr Mitarbeitenden, weniger Anforderungen und kürzerer Arbeitszeit. Die Verkehrsdichte war niedriger. Ein Wertewandel vollzieht sich etwa seit den 1980er Jahren, weg von kollektivistischen Werten und hin zu individuellen. Das Wir rückt also mehr und mehr in den Hintergrund, während die individuelle Persönlichkeitsentfaltung und Selbstbestimmtheit in den Vordergrund rücken. Wenn sie eingeschränkt werden, empfinden Menschen oftmals Stress.

 

  • Woran merke ich, dass mein Stresslevel zu hoch ist?

Man könnte sagen, wir spielen heute „neue Computerspiele“ auf „alten Betriebssystemen“: Unser Gehirn ist heute, was Stress angeht, immer noch genauso programmiert wie das des Steinzeitmenschen vor Millionen von Jahren. Selbst kleine Herausforderungen können zu Stress werden, wenn wir sie - zumeist unbewusst - negativ bewerten. All die biologischen Prozesse, die für Angriff oder Flucht nützlich waren, werden - in einem geringeren Maße, aber immer wieder - in Gang gesetzt. Unter anderem steigen der Blutdruck und der Blutzuckerspiegel, und eine Fontäne von Hormonen wird ausgeschüttet, unter anderem auch Kortisol. Das sorgt für Aktivität und das Stresslevel steigt. Es braucht aber deutlich mehr erholsame Zeit, um das Stresslevel wieder bis zum ursprünglichen Ausmaß sinken zu lassen. Das ist messbar. Wenn wir also nun nach und nach unseren Stressoren begegnen, steigt das Stresslevel und wir kommen gar nicht mehr zur Ruhe. Unser Gedankenkarussell nimmt Fahrt auf, wir schlafen schlecht, sind nervös, gereizt und der Körper ist verspannt. Leider bemerken wir Stress häufig erst an dieser Stelle, an der das Leiden schon recht groß ist und die Gefahr, eine Folgeerkrankung zu erleiden, erheblich angestiegen ist. Deshalb brauchen wir ein „Update“ für unsere „alten Betriebssysteme“: Möglichkeiten, den Stress frühzeitig zu erkennen und einen guten Umgang mit ihm zu finden. Damit wir wieder mehr Entlastung, Gelassenheit und Lebensfreude verspüren können.

 

  • Viele fühlen sich ihrem Stress „ausgeliefert“ und haben das Gefühl daran nichts ändern zu können? Was kann Ihnen helfen?

Oftmals ist es so, dass wir im Alltag auf „Autopilot“ schalten und funktionieren. Wir erledigen unsere Aufgaben und vernachlässigen oft die Selbstfürsorge. Wenn wir erst einmal gestresst sind, geraten wir häufig in eine Aufwärtsspirale: Das Stressempfinden wird immer größer, der „Tunnelblick“ immer schmaler. Wir geraten in einen Teufelskreis: Durch das hohe Stressempfinden scheinen uns Zeiträume zu fehlen, etwas zu tun, das uns Spaß macht und das den Stress abbaut. Wir kommen beispielsweise gestresst von der Arbeit, sind lustlos und können uns nicht mehr aufraffen, noch joggen oder schwimmen zu gehen. Lieber „entspannen“ wir mit fernsehen und Chips oder Schokolade. In der Folge haben wir noch weniger Ausgleich und Entspannung, was uns tendenziell unzufrieden macht und letztlich das Stressempfinden weiter ansteigen lässt. Es gibt Wege aus dem Teufelskreis heraus und in einen Engelskreis hinein. Hilfreich dafür ist zunächst einmal, Bewusstsein zu schaffen für eigene Stressoren und eigenes Stressempfinden. Wenn wir Stress frühzeitig erkennen, können wir ihn „im Welpenalter“ freundlich begrüßen und ihm direkt mitteilen, dass wir nun etwas gegen ihn unternehmen werden, damit er bei uns nicht „erwachsen“ wird! Das können Kurzentspannungen sein oder eine andere der vielfältigen Methoden der situativen Stressbewältigung, die ich in meinen Seminaren vorstelle und mit den Teilnehmenden trainiere. Wer den Willen hat, eine Veränderung herbeizuführen und sich nicht unterkriegen zu lassen, hat eine sehr gute Basis und sollte sofort den ersten Schritt tun!

 

  • Ist Stress immer nur schlecht und schadet uns oder gibt es auch positive Auswirkungen von Stress?

Evolutionär gesehen war Stress etwas Positives, das uns als Spezies hat überleben lassen. Auch heute funktioniert das Phänomen Stress noch genauso: Es verleiht uns bei plötzlicher Gefahr Energie, um aktiv werden und handeln zu können. Heutzutage haben wir es allerdings selten mit Überlebenskampf zu tun. Es sind oft die vielen vermeintlich „kleineren“ Alltagsstressoren, die uns quälen. Aber ein Leben ganz ohne Stress erscheint auch nicht wünschenswert: Man stelle sich beispielsweise einen Schrankenwärter der Bahn vor, wie es sie bis vor ein paar Jahren gab: Einmal pro Stunde muss die Schranke heruntergekurbelt werden, acht Stunden lang. Wenn sich das nach Feierabend im Freizeitbereich ähnlich „spannend“ fortsetzte, trat eine völlige Unterforderung ein. Das ist nur ein Beispiel für Menschen, die eher Boreout als Burnout gefährdet sind. Etwas Stress tut uns also gut und macht uns leistungsfähig. Im Idealfall so viel, dass sich die Anforderungen und die Bewältigungsmöglichkeiten in etwa die Waage halten. Dann sind wir im „Flow“: Es „läuft“ und wir sind zufrieden. Es gibt verschiedene Wege zum „Flow“: Wir können versuchen, an den Anforderungen etwas zu ändern, aber auch an den Bewältigungsmöglichkeiten. Die beste Chance auf positive Veränderung besteht, wenn wir beides tun. Letztlich gibt es noch eine weitere Form von Stress, nämlich eine, die wir als positiv empfinden. Diese Form nennt sich Eustress. Beispielsweise bei der Planung einer großen Feier, der Geburt der eigenen Kinder oder in anderen Bereichen wie zum Beispiel dem Profisport. Auch dort kann es freilich zu Wendepunkten zum Negativen kommen, und es gibt zahlreiche prominente Burnout-Beispiele. Das ist jedoch nicht das, was uns im Durchschnittsalltag zu schaffen macht.

 

  • Gibt es allgemeine Stressoren im Beruf und im privaten Alltag oder sind diese immer individuell? Es gibt sogenannte objektive Stressoren, die - je nach Dauer und Ausmaß – wohl jedem Menschen Stress bereiten. Zum Beispiel sah sich ein befreundetes Paar bei seinem Sardinien-Urlaub kürzlich einer meterhohen Flammenwand entgegengestellt. So ein Erlebnis würde wohl jeden stressen. Genauso wie Atemnot, extreme Temperaturen, Schlafentzug oder Enge und Lärm ab einer gewissen Intensität. Das sind aber in der Regel nicht die Stressoren, die uns im Alltag quälen. In unseren Seminaren zeigt sich immer wieder, dass das Stressempfinden - übrigens genau wie die Stressbewältigung - völlig individuell ist. Der Erste könnte ins Lenkrad beißen, wenn er an ein Stauende kommt oder eine „rote Welle“ hat. Den Zweiten lässt das völlig kalt, er regt sich aber dafür auf, wenn zu Hause das Geschirr nicht (richtig) in die Spülmaschine geräumt ist. Das wiederum kümmert die Dritte beides nicht, sie ist dafür von der Arbeit gestresst, bei der es so viel zu tun gibt, dass sie jeden Tag länger arbeitet. Vielleicht sogar unbezahlt. Der Erstgenannte ist vielleicht ihr Kollege und hat genauso viel Arbeit, aber keinen Stress damit, weil er ganz andere Ansprüche an sich und seine Arbeit hat. Nach meinem Empfinden gibt es schon Stressoren, die deutlich häufiger auftreten als andere. Das sind überraschenderweise auch oft Kleinigkeiten: Die Zahnpastatube ist offen, der Klodeckel oben, es wird etwas geäußert, das uns nervt, die Kinder haben ihre Schuhe oder leere Flaschen stehen lassen oder die Kollegen ihre Tassen - es wird eine Unordnung empfunden. Viele Dinge, die uns vermeintlich nur leicht nerven, führen in der Summe auch dazu, dass immer mehr Stress empfunden wird und wir in den Aufwärtsstrudel geraten. Je höher wir geraten, desto schwieriger wird es, den Aufwärtstrend zu unterbrechen. Auch Ungerechtigkeiten und fehlende Anerkennung scheinen uns sehr zu triggern. Aber auch daran lässt sich arbeiten.
  • An wen richtet sich Ihr Stressbewältigungskurs?

Im Grunde an jeden, der Interesse an dem Thema hat. Die Seminare und Kurse haben vor allem vorbeugenden Charakter. Es ist hilfreich, wenn man Stressbewältigungsmethoden kennt und anwendet, bevor Stress auftritt, damit er gar nicht erst die Chance bekommt, zu einem ausgewachsenen Monster zu gedeihen und uns krank zu machen. Wer sich bereits gestresst fühlt, verspannt ist, ein Leben im „Autopilot“ lebt, sich wie im Hamsterrad fühlt, tut sich mit einem Stressbewältigungskurs ebenfalls etwas Gutes. In dem Fall ist es jetzt Zeit, etwas dagegen zu tun, um nicht eine (möglicherweise schwere) Folgeerscheinung zu erleiden. Wie zum Beispiel Magen-/Darm-Erkrankungen, Bandscheibenvorfälle, Bluthochdruck, Schlafstörungen, Migräne, Infarkte, Burnout, Depressionen oder andere psychische Erkrankungen. Eindeutig nachgewiesen ist der Zusammenhang zwischen Stress und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Stress steht zudem verstärkt im Verdacht, ein möglicher Faktor bei der Entstehung von Krebs zu sein. Wer jedoch bereits erkrankt ist, zum Beispiel am Burnout, der sollte zunächst professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Ich bin kein Arzt und kann keine Therapie leisten.

 

  • Was können Kurs-Teilnehmende (in den einzelnen Modulen) lernen?

Im ersten Teil wird ein Bewusstsein geschaffen, wie Stress die Gesundheit beeinflusst, für die Identifizierung der eigenen Stressoren im Alltag und für das eigene Stressempfinden - also: Wie erkenne ich Stress möglichst frühzeitig, um sofort etwas dagegen tun zu können, bevor ich in die Aufwärtsspirale gerate? Anschließend werden verschiedene Möglichkeiten der situativen Stressbewältigung vermittelt und auch ausprobiert. Ziele des ersten Teils sind also: Aufkommenden eigenen Stress so früh wie möglich wahrzunehmen und sofort etwas Wirksames dagegen tun zu können. Kursbesuchende können die vermittelten Kenntnisse nach dem Kurs selbständig weiterverfolgen und so für Nachhaltigkeit und mehr Gelassenheit sorgen.

Im zweiten Teil beschäftigen wir uns nicht mehr damit, wie ich in einer stressigen Situation direkt reagieren kann, sondern um Methoden, die zu langfristigen Veränderungen führen können. Einerseits geht es darum, Probleme, Stressoren oder Herausforderungen systematisch zu bearbeiten, damit sie nicht wie viele Neujahrsvorsätze „verpuffen“. Dabei werden Ideen entwickelt, die günstigen Einfluss auf die stressauslösende Belastung nehmen können und sie auf die Weise möglichst auflösen oder doch wenigstens reduzieren können. Andererseits werden eigene Einstellungen und Glaubenssätze betrachtet und diejenigen identifiziert, die uns in manch einer Lebenssituation hinderlich sind, weil sie Stress verursachen. Sie werden einer intensiven Reflexion unterzogen. Ein mögliches Ergebnis kann in der Folge sein, dass die Haltung, die uns Stress bereitet, verändert werden soll. Dazu bedarf es oft nur kleiner Veränderungen, die aber eine große Wirkung entfalten können. Die Idee ist, mit dem Bewusstwerden der eigenen (hinderlichen) Haltung und gegebenenfalls einer leichten Veränderung einen deutlich gelasseneren Umgang damit zu finden.

Im dritten Teil geht es um Kommunikation. Stress wirkt sich auf unsere Kommunikation aus, denn er schränkt unsere Fähigkeit, rational zu denken, ein. Wir denken im Stress negativer. Wir hören nicht mehr richtig zu, der „Ton“ wird zunehmend gereizter, unüberlegter, vorwurfsvoller und weniger einfühlsam. Die Konfliktgefahr steigt. Mit Hilfe von Stressbewältigung und günstiger Kommunikation lassen sich Konflikte vorbeugen. Aber wie löse ich bereits entstandene Konflikte kommunikativ, ohne den Gesprächspartner herabzusetzen? Wie spreche ich etwas an, das mich nervt, ohne die Beziehung zu belasten? Anhand von bekannten Modellen wird in diesem dritten Teil nützliches Wissen vermittelt und auch praktisch ausprobiert.

Der Stressbewältigungskurs gliedert sich in drei Module. Diese sind auch einzeln buchbar.
Modul 1:        Erste Hilfe gegen Stress
01.09.21 und 08.09.21, 18:30 Uhr bis 21:00 Uhr
Hier gehts zum Kurs

Modul 2:        Stress reduzieren durch systematische Problemlösung und Selbstreflexion
15.09.21 und 22.09.21, 18:30 Uhr bis 21:00 Uhr
Hier gehts zum Kurs

Modul 3:        Stressreduzierende Kommunikation,
22.11. und 24.11.21, 18:30 Uhr bis 21:00 Uhr
Hier gehts zum Kurs

Anmeldung und weitere Information zum Kurs telefonisch unter 05971-939 124.

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Volkshochschule und Musikschule der Stadt Rheine

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